Die meisten Menschen haben eine gefühlte Vorstellung davon, dass die gesetzliche Rente „nicht reichen wird" – aber kaum jemand kann beziffern, wie groß die Lücke tatsächlich ist. Genau diese Zahl ist jedoch der Ausgangspunkt jeder sinnvollen Vorsorgeplanung. Die Rentenlücke ist die Differenz zwischen dem Geld, das du im Alter monatlich brauchst, und dem, was die gesetzliche Rente (plus eventuelle Betriebsrenten) voraussichtlich liefert. Wer sie kennt, kann gezielt sparen, statt ins Blaue hinein. Dieser Artikel zeigt, wie du die Lücke realistisch berechnest – inklusive des oft unterschätzten Effekts der Inflation.
Schritt 1: Den Nettobedarf im Alter schätzen
Beginne mit der Frage, wie viel Geld du im Ruhestand monatlich ausgeben möchtest. Eine grobe Faustregel besagt, dass im Alter etwa 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens benötigt werden, weil einige Ausgaben wegfallen: Pendelkosten, berufsbedingte Anschaffungen, Sparraten für die Altersvorsorge selbst und im Idealfall die abbezahlte Immobilie. Andere Posten steigen dagegen, etwa Gesundheit, Pflege oder Reisen in den ersten aktiven Rentenjahren. Die 80-Prozent-Regel ist nur ein Startwert – wer eine teure Miete behält oder aufwendig leben will, sollte höher ansetzen.
Schritt 2: Die voraussichtliche Rente gegenrechnen
Dem Bedarf stellst du deine erwartete gesetzliche Rente gegenüber. Den Ausgangswert liefert die jährliche Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung. Achte darauf, mit dem Bruttowert vorsichtig umzugehen: Von der Bruttorente gehen noch Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge sowie Steuern ab. Realistisch bleiben je nach Höhe und Steuersituation grob 80 bis 90 Prozent der Bruttorente als Auszahlung übrig. Hast du Anwartschaften aus betrieblicher oder privater Vorsorge, addiere deren spätere Auszahlung hinzu – aber ebenfalls nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben, soweit diese anfallen.
Die erste, noch nicht inflationsbereinigte Lücke ergibt sich dann simpel: Nettobedarf minus erwartete Netto-Rente. Liegt dein Bedarf bei 2.200 Euro und deine voraussichtliche Netto-Rente bei 1.400 Euro, klafft eine monatliche Lücke von 800 Euro.
Schritt 3: Die Inflation einrechnen – der entscheidende Schritt
Hier machen die meisten Hobby-Rechnungen einen Fehler: Sie vergleichen heutige Beträge, obwohl der Ruhestand Jahrzehnte entfernt liegt. Über lange Zeiträume entwertet die Inflation die Kaufkraft erheblich. Schon bei zwei Prozent durchschnittlicher Teuerung halbiert sich die Kaufkraft eines Euros in rund 35 Jahren. Eine Lücke von 800 Euro in heutiger Kaufkraft entspricht in 30 Jahren einem nominal deutlich höheren Betrag.
Du hast zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Entweder rechnest du konsequent in heutiger Kaufkraft – dann musst du auch deine Sparrendite real, also nach Abzug der Inflation, ansetzen. Oder du rechnest nominal, dann musst du den Bedarf mit der Inflationsrate hochrechnen. Wichtig ist nur, dass du nicht reale und nominale Größen mischst. Wie stark die Teuerung deine künftige Lücke aufbläht, kannst du mit unserem Rentenlücke-Inflation-Rechner durchspielen.
Warum das sinkende Rentenniveau die Lücke vergrößert
Das Rentenniveau – das Verhältnis der Standardrente zum Durchschnittseinkommen – ist politisch über eine Haltelinie abgesichert worden, soll langfristig aber tendenziell sinken, weil immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentner finanzieren. Für die individuelle Planung bedeutet das: Selbst wenn deine nominale Rente steigt, wächst sie womöglich langsamer als die Löhne und die Preise. Die Lücke wird dadurch eher größer als kleiner. Wer jung ist, sollte daher konservativ kalkulieren und das offizielle Hochrechnungsergebnis nicht als Obergrenze, sondern eher als optimistischen Fall lesen.
Schritt 4: Die nötige Sparrate ableiten
Steht die inflationsbereinigte Lücke fest, lässt sich die Sparrate bestimmen. Dazu brauchst du drei Annahmen: die verbleibende Zeit bis zur Rente, die erwartete Rendite deiner Anlage und die voraussichtliche Bezugsdauer im Ruhestand. Eine grobe, aber brauchbare Methode ist die Kapitalbedarfsrechnung:
- Multipliziere die monatliche Lücke mit 12 und mit der erwarteten Rentenbezugsdauer in Jahren – das ergibt den benötigten Kapitalstock, vereinfacht und ohne Verzinsung in der Auszahlungsphase.
- Berücksichtige, dass auch das gesparte Kapital während der Auszahlung weiter Rendite bringt, was den nötigen Stock senkt.
- Teile den Kapitalbedarf auf die verbleibenden Sparjahre auf und berücksichtige den Zinseszins in der Ansparphase – je früher du beginnst, desto kleiner die monatliche Rate.
Der Zinseszinseffekt ist dabei dein wichtigster Verbündeter. Wer mit 30 beginnt, braucht für dasselbe Ziel oft nur einen Bruchteil der Rate, die ein 50-Jähriger aufbringen müsste.
Strategien, um die Lücke zu schließen
Sobald du die Größenordnung kennst, geht es an die Umsetzung. Bewährte Bausteine sind:
- Breit gestreute ETF-Sparpläne: günstig, flexibel und über lange Zeiträume renditestark – aber mit Kursschwankungen, die man aussitzen können muss.
- Betriebliche Altersvorsorge: attraktiv vor allem dort, wo der Arbeitgeber kräftig zuschießt.
- Riester oder Rürup: sinnvoll je nach Familien- und Steuersituation, etwa bei vielen Kindern oder hohem Einkommen.
- Immobilie: die mietfreie selbstgenutzte Wohnung senkt den Bedarf direkt, bindet aber Kapital.
- späterer Renteneintritt: jeder zusätzliche Arbeitsmonat erhöht die Rente und verkürzt die Bezugsdauer, die finanziert werden muss.
Welcher Mix passt, hängt von Alter, Einkommen, Risikobereitschaft und Familiensituation ab. Weitere konkrete Bausteine erklären wir in unseren News, und passende Rechenhilfen findest du gebündelt in den Webtools.
Häufige Fragen
Wie viel Prozent meines Nettoeinkommens brauche ich im Alter wirklich?
Die häufig genannten 80 Prozent sind ein Mittelwert. Wer im Eigenheim mietfrei wohnt und keine Kredite mehr bedient, kommt oft mit weniger aus; wer zur Miete wohnt oder hohe Gesundheits- und Pflegekosten erwartet, braucht mehr. Rechne mit deinem konkreten Budget statt mit der Faustregel.
Soll ich mit heutiger Kaufkraft oder mit nominalen Beträgen rechnen?
Beides ist möglich, solange du konsistent bleibst. Für die Anschauung ist die Rechnung in heutiger Kaufkraft eingängiger – dann nutzt du eine reale Rendite. Mischst du reale Bedarfe mit nominalen Renditen, überschätzt du dein Ergebnis dramatisch.
Was ist, wenn ich die berechnete Sparrate nicht aufbringen kann?
Dann hilft eine Kombination aus mehreren Stellschrauben: später in Rente gehen, den Lebensstandard im Alter etwas anpassen, höhere Renditechancen akzeptieren oder Arbeitgeberzuschüsse maximal ausschöpfen. Auch eine kleinere als die ideale Rate ist deutlich besser als gar keine, weil sie über die Jahre vom Zinseszins profitiert.
Zählt die abbezahlte Immobilie als Altersvorsorge?
Indirekt ja. Sie ersetzt zwar kein Einkommen, senkt aber den Bedarf, weil die Miete entfällt. In der Lückenrechnung kannst du die ersparte Kaltmiete vom Nettobedarf abziehen – Instandhaltung, Grundsteuer und Nebenkosten bleiben aber bestehen.